TELEPASS

Auf einigen europäischen Autobahnen wird eine Nutzungsgebühr erhoben. Bezahlt wir die beim Verlassen der Einrichtung an einer Zahlstelle. Hier sammeln sich die Fahrbahnnutzer auch mal zuhauf, was findige Zeitgenossen auf die Idee mit dem System Telepass gebracht hat. Im Internet las der Müller dazu folgendes:

Für viele Reisende sind Zahlstellen auf europäischen Autobahnen ein Stressfaktor. Habe ich genügend Kleingeld dabei? Was kostet die Mautgebühr? Wo ist das Ticket? Mit dem Bezahlsystem Telepass Europa ist alles viel einfacher: Ein im Fahrzeug platzierter Telepass Badge wird auf den gekennzeichneten Fahrspuren der Zahlstellen ohne anzuhalten automatisch registriert und die fällige Autobahngebühr der eigenen Kreditkarte belastet.

Alles ganz einfach. Wer dann noch das Kleingedruckte liest findet den Pferdefuss bald, die freie Fahrt wird durch Gebühren gelinde gesagt etwas teuer.

Die Müllers kamen die letzten Wochen in Italien immer wieder mit dem TELEPASS Zahlungssystem in Kontakt. Bei allen Zahlstellen gab es mindestens eine solche Schnell-Durchfahrspur. Man kann wirklich schnell auf oder von der Autobahn runter fahren. Ohne anzuhalten! Ratz fatz ist man durch.

Bildschirmfoto 2019-11-11 um 16.06.59

In der Nähe von BOLOGNA gibt es eine Autobahnauffahrt an deren Beginn steht: „ONLY TELEPASS“. Wer den Hinweis liest, muss sich beim Fahren schnell entscheiden. Abdrehen oder reinfahren! Um ausweichen zu können wurde extra ein Fahrbahnkreisel vor die Einfahrt gebaut.
Müller las von dieser Auffahrt und dachte immer diese sei nicht auf seiner Route. Aber …… siehe da, da ist das Schild. Riesig, nicht zu übersehen.
Er erinnert sich an die Werbung zu TELEPASS im Internet. Alles ganz einfach!

Aber was geschieht eigentlich, wenn sich einer auf die Spur der „TELEPÄSSLER“ wagt und keiner ist? Immer noch alles ganz einfach? Mal sehen.

Der Entscheid im Nu gefasst, lenkt Müller das Reisemobil in die Einfahrt. Die Barriere vor ihm hebt sich natürlich keinen Zentimeter. Hinten bildet sich schnell eine Autokolonne. Müllers mit Reisemobil an der Spitze derselben. Erst bleibt es hinten ruhig, dann Hupgeräusche. Die schwellen zu einem mächtigen Konzert an. Rückwärts fahren geht nicht. Vorwärts auch nicht. Gefangen, der Schlagbaum bleibt brav unten. Warum sollte er sich auch bewegen. Der vor ihm hat ja keine TELEPASS-Sendebox an seiner Windschutzscheibe kleben. Von nix kommt nix, basta.

Müller steigt aus. Auf der Fahrspur neben an verlangsamt gerade ein Polizeifahrzeug mit wild drehendem Blaulicht sein Tempo, um die auf seiner Seite angehobene Schranke zu passieren. Müller rennt wild gestikulierend rüber zum dunkelblauen Wagen. Der bleibt tatsächlich stehen.
Ein uniformierter Polizist auf dem Beifahrersitz lässt die Fahrzeugscheibe runter. Müller erklärt ihm sein Problem. Ein langes Gesicht schaut ihn schief an und lächelt. Derweil lässt ein hinten sitzender Mann in Zivilkleider die Scheibe runter, streckt seinen Arm nach draussen und zeigt nach vorne auf eine Säule mit roten Knöpfen. Die Autoscheiben schliessen sich. Das Polizeifahrzeug rast davon.
Die Säule vor Müller ist knallrot angemalt. Wie die zwei Alarmknöpfe die auf unterschiedlichen Höhen montiert sind. Welchen bedienen? Am besten beide berücksichtigen. Abwechselnd tippt Müller auf den Einen, dann auf den Andern.

Wie von Geisterhand klappt plötzlich die Schranke nach oben. Frau Müller inzwischen am Steuer sitzend, fährt in Richtung Autobahn. Müller im Sprint hinterher. Wie sich die Schranke wieder gesenkt hatte, sitzt Müller bereits neben seiner Frau im Reisemobil.

Weiter ging die Reise. Nun mit der Herausforderung ein Autobahn-Ticket zu bekommen um die Autobahn auf reguläre Art verlassen können. Wer Müllers kennt der weiss, das solche Situationen das Salz in deren Reisesuppe sind.

Nächste Ausfahrt BOLOGNA Zentrum. Da wollen wir aber nicht hin. Müllers beginnen laut nachzudenken:
„Wo müssen wir uns anmelden? Wie weit sollen wir fahren? Das wird bestimmt teuer.

„Nicht in die City, dass gibt sonst einen Riesen Trubel an der Zahlstelle. Wir müssen an eine bemannte Kasse kommen und unsere Situation erklären.“

„Wir merken uns mal die Einfahrt die wir genommen haben. Laghi Del Maglio nahe Bologna, Smartphone sei Dank.“

An der Ausfahrt MODENA SUD kam der Moment. Die TELEPASS-Spur würdigten die Müllers keines Blickes. Das bemannte Kassenhäuschen war viel wichtiger und die Reaktion der Person die da auf uns wartete. Wie wir uns dem näherten, ertönte eine Tut-Konzert. Wir wurden also erwartet. Fahrzeugnummern-Scanner machen es möglich. Kleinlaut versuchten wir unsere Situation zu erklären. Wie der Mann uns verstanden hatte, kramte er eine Papier aus einer Ecke und begann darauf den Namen der Stelle zu suchen bei der wir die Barriere mittels Druck am roten Knopf austricksten. Sein Zeigefinger glitt über das Papier, half im bei der Suche. Fündige wurde der Mann trotzdem nicht. Dafür wuchs die Blechlawine hinter uns mächtig in die Länge. Das Hupkonzert störte unseren Kassenwart in keiner Weise. Er deutete auf des Müllers Phone welcher der in seinen Händen hielt, um auf der App-Map besagte ONLY TELEPASS Auffahrt zu suchen. Diese gefunden, reckte Müller das Phone in Richtung Kassenhäuschen. Schon bald nickte der Wart, auf das Display blickend, mit seinem Kopf. Begann auf der Rechenmaschine vor sich verschiedene Tasten zu drücken, riss vom Schlitz einer anderen Maschine einen Kassenzettel weg und reichte den an Frau Müller weiter. Die verzog keine Miene. Zückte den Geldbeutel, reichte eine Euronote aus dem Fenster und erhielt kurz darauf Kleingeld zurück. Welchen Schein seine Frau dem Kassier hinhielt sah der Müller nicht.

Die Schranke öffnete sich. Frau Müller drehte den Zündschlüssel und winkte dem Mann im Häuschen zu und lächelte ihren Gemahl schelmisch an. Der wollte nur zu gerne wissen welche Löcher seine TELEPASS-Ausflug in die Reisekasse reisst. So händigte seine Frau dem spontanen Müller mit lautem Lachen den Kassenzettel rüber. Der drehte diesen um und las: 3.60 Euro. Da musste auch er laut lachen.

Alles ganz einfach und überhaupt nicht teuer.