Vom Wald da kommen’s her

Der Raum ist nicht gross. Vielleicht 5 x 8m schätzt Müller. Mitten drin stehen zwei Holztische. Hinter jedem der Tische steht ein Mann. Schaut nach vorne geneigt auf die Tischplatte vor ihm, beziehungsweise auf das was auf der ausgebreitet wird. Fragt den oder die ÜberbringerIn nach Namen und Wohnort und schreibt beides, samt Tagesdatum in die obere Blatthälfte eines vor ihm liegenden Schreibblockes.

Auf der anderen Seite der Tische warten Leute. Nervös schauen und hören sie zu wie die beiden Männer konzentriert die Waren prüfen und Dem oder Der welcher diese auf die Tischplatte geleert hat erklären, warum dieses oder jenes Stück in den grossen, hinter den Männern gestellten Abfalleimer geworfen wird. Derweil das enttäuschte Gesicht auf der anderen Tischseite immer länger wird, wenn von der mitgebrachten Ware nur wenige oder gar keine Stücke im Behälter auf der Digitalwaage zu liegen kommen. Immer wieder schaut der Rest der Leute in ihren mitgebrachten Warenbehälter. Zufrieden lächeln die, welche keine Stücke als Kandidaten für den Abfallsack erspäht haben. Die, welche nicht sicher sind machen sich klein, lachen bloss aus Verlegenheit und würden am liebsten im Boden versinken. Dieser ist aus Beton und verschluckt garantiert keinen. Auch nicht denjenigen, der seine Ware im Plastiksack mitgebracht hat, dafür eine ausführliche Predigt zum ordentlichen Warentransport zu hören bekommt und künftig mit einem geeigneten Behälter im 5 x 8m Raum auftauchen wird.

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Alles was in den Behälter auf der Digitalwaage zu liegen kommt, wird von den Männern namentlich auf dem Schreibblock notiert. Dazu das angezeigte Gewicht in Kilogramm. Für Müller sind es diesmal 3kg Täublinge (keine Tauben, gemeint sind Pilze). Der Schreiber hinter seinem Tisch stehend, setzt seine Unterschrift unter die Aufstellung, reisst die Liste vom Block, legt das Durchschlagpapier unter die nächste Formularseite im Block und ruft: „Der Nächste bitte!“

Gut dass es die Pilzkontrolle gibt.

Müller geht stiften

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Diese Woche geschieht es, nach über einem halben Jahr des Wartens endlich grünes Licht.
Der Müller schwingt sich bei Minustemperatur auf sein geliebtes Tourenrad. Den Lenker fest im Griff der mit Handschuhen umhüllten Hände fährt er los. Die Füsse stecken in den nicht minder geliebten Lederstiefeln. Es ist kalt, saukalt, gut hat Müller unter seinem Fahrradhelm noch eine Sturmhaube über seinen Kopf gezogen. Die Nase tropft nach kurzer Zeit. Müller steigt vom Rad, Taschentuch hervor, Rotze weg, aufsteigen, weiterfahren. Ein kräftiger Wind stemmt sich dem Radler entgegen. Wird noch eine Weile dauern bis das Ziel erreicht ist.

Als Müller auf Betriebstemperatur gekommen ist heisst es absteigen, Fahrrad hinstellen, abschliessen, der Helm samt Sturmhaube und Handschuhe verschwindet in der Fahrradtasche die Müller immer an seinem Rad festgezurrt hat. Die Taschen sind schon sehr, sehr alt und somit erweckt das ganze Fahrrad den Anschein von uralt. Bis jetzt hat es noch nie jemand entführt und Müller hofft das das so bleibt.
Die Schieber der Lifttür öffnen sich, zwei Schritte Müller steht an der nächsten Türe und ein Zeigefinger drückt den Klingelknopf bis zum Anschlag. Hinter der Tür ringt eine schrille Glocke nach Ruhe, sie gibt einen nervtötenden Ton von sich. Müller zieht seinen Finger zurück, Ruhe. Er öffnet die Tür. Hinter einer Theke sitzt eine junge Frau, schaut kurz auf: „Müller?“. „Ja“, sagt der. „Warten Sie einen Moment dort.“ Das Kinn der jungen Frau zeigt in Richtung einer weiteren geöffneten Tür. Müller geht durch die Tür in den Raum, greift sich das NZZ-Folio setzt sich, wartet.

Nach gefühlten 10 Minuten reisst eine Stimme den Folio-Leser in die Wirklichkeit zurück. „Wir sind so weit, bitte folgen sie mir.“ Dieses Mal ist die Frau noch jünger wie es Müller dünkt und noch eine Spur hübscher.
„Stimmt die Lehne? Es geht noch einen Moment.“ Müller schaut gelassen aus dem Fenster, sieht einen Hügel mit Häusern voll gespickt. Was die wohl wert sind?

„Dann schauen wir Mal!“ Neben Müller taucht eine Gesichtsmaske auf. „Ok, sieht gut aus. Einmal röntgen!“ Das hübsche Fräulein eilt hinter der Gesichtsmaske nach draussen nachdem es dem Müller einen Bleimantel übergelegt hat. Klick, summ. Die Gesichtsmaske kommt zurück, starrt in einen Bildschirm welcher etwas weiter weg steht. „Ok,“ murmelt die Stimme hinter der Maske.
Zwei Hände in Latexhandschuhen greifen zu. Setzen ein Werkzeug an die Inplantat-Kappe in Müllers Mund, dann geht alles schnell. Stift raus, Stift rein, auf Stift beissen, Mund auf, mit einem Drehmomentschlüssel Stift nachgezogen, Kleber drauf, Zahnersatz drauf, Gegenseite den Zahn etwas nachschleifen, Fertig.

Müller hält einen Spiegel vor seinen Mund. Den schneeweissen falschen Zahn kann er nicht übersehen. Schmerzen keine, jetzt schnell vom Stuhl.

Die etwas weniger hübsche Frau an der Theke reicht den Erinnerungszettel für den Kontrolltermin an den stiftenden Müller. Der ist froh sich bis nach Ostern sicher vor den Latexhandschuhen fühlen zu dürfen.