Kurzer Spaziergang

Frau Müller will raus, am liebsten an die Sonne versteht sich. Er, der Herr Müller sitz mit seinem Klappi gedankenversunken am runden Tisch. Draußen scheint wirklich die Sonne. Es gibt für den Müller keine Ausrede in den vier Wänden zu bleiben.

Nur wenig später hält das Automobil mit den Müllers an Bord auf einem gekiesten Parkplatz zwischen Wald und See. Die Sonne ist weg. Frau Müller stört dies nicht. Zur Erinnerung, sie wünschte sich draussen an der Sonne zu sein. Müllers Gedanke: „Da stimmt was nicht!“ Beide schlüpfen in die Wanderschuhe. Man weiss nie ob der Rundweg zwischen See und Wald nass und dreckig, oder trocken und gut begehbar ist. Heute geht es sich leicht. Die Trockenheit schaffte alle Feuchtigkeit von Wurzeln und Steinen. Man kann gemütlich dahin schlendern und dabei dem Rascheln des gefallenen Laubes zuhören.

Wie Müller mit einem entzückten Seufzer stehen bleibt, ist Frau Müller schnell zur Stelle. Zieht mit einem Lächeln einen baumwollenen Pilzsack aus ihrer Jackentasche. Richtig gedacht, für Pilze geht Frau Müller meilenweit, egal wenn der Hochnebel die Sonne versteckt.

Ja es gibt hier noch Anfangs November essbarer Pilze. Zwar sind es nicht die von Müllers Frau erhofften Herbsttrompeten, aber die gefundenen Röhrlinge nehmen wir gerne und ändern das Menü vom heutigen Abend.

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Dicke Lippe

Mit der Aussage das Pilzjahr 2017 sei ein Ausserordentliches hat spätestens Ende Oktober keiner mehr eine dicke Lippe riskiert, auch der Müller nicht.

So durchstreift der in diesem Jahr schon oft Erfolgreiche zum x-ten Mal seine Reviere im schwarzen Wald mit der Überzeugung seine Dörrgeräte nochmals zünftig an köstlichen Scheiben von Steinpilz, Maronen und Co. arbeiten zu lassen und ignoriert dabei den spitzen Aufschrei der ihn begleitende Müllerin. Die steigt mit ihrem Pilzkorb am Arm gerade über den Drahtzaun welcher sich ihr wie beim letzten Vordringen ins das kleine aber feine Revier in den Weg stellt, heute jedoch unter Strom steht und ihr einen tüchtigen Hieb versetzt. Müllers einigen sich. Sie, die vom Elektrozaun Gepiesackte sucht die rechte Revierseite ab. Er, der Überzeugte nochmals das Ausserordentliche zu schaffen, die Linke.

Seinen Korb vorgehängt, schreitet Müller zur Tat. Doch komisch, da wo vor zwei Wochen die Pilze wie Unkraut aus dem Boden geschossen waren steht heute kein einziger. Stattdessen liegen hässliche Fladen überall. Die sind aber nicht vom Hirsch. Nein, diejenigen welche die Hinterlassenschaften anlegten, schauen mit schnaubend Nüstern den Abhang hinunter dem aufsteigenden Müller entgegen. Der denkt nicht an Rückzug, schlägt erstmal einen Bogen und geht mit ausholendem Schritt weiter.

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Nun setzen sich die zottligen Urviecher-Mütter in Bewegung und kommen im gestreckten Galopp auf den Störenfried zu. Verdattert stellt sich der in eines der grossen Wacholdergebüsche. Von diesen stehen einige auf Müllers Pilzrevier, das inzwischen zweifelsfrei von den Urviechern in Beschlag genommen wurde. Wie sich der Müller durch den Hinterausgang des Gebüsches davon macht, rutscht im sein Herz in die Hose. Drei junge Viecher nähern sich trabend, zuvorderst der Kleinste und wahrscheinlich mutigste mit gesenktem, lockigem Haupt. Fein, im Rücken die Mütter mit einem wie es Müller scheint verschmitzten Lächeln im Gesicht, vor sich die drei Rabauken im vollen Angriff und sonst niemand der ruft: „Die wollen doch nur spielen!“

Mit vorgehängtem Pilzkorb rennt der zumSpielball erkorene Müller aus seiner Deckung. Die drei jungen Angreifer bleiben erst verdutzt stehen, derweil sich ihr davonrennender zweibeiniger Spielverderber mit seinen Füssen an einem kleinen Wachholderbusch verheddert und in der selben Sekunde kopfüber aufs Gesicht fliegt. Der Lederhut rutscht ins Genick, die Brille hoch auf die Stirn und die Oberlippe gerät zwischen die Zähne welche sich durch die hochklappende Kinnlade ins Fleisch eben dieser Lippe bohren. Derweil auch die Urmütter zum neuen Angriff blasen, rutscht der sich selber plattgelegte Müller auf den Knien zum nahen Weidezaun. Den unterquert er über den Boden rollend in dem Moment, wie die aus den Nüstern dampfenden Mütter, um nicht den spannungsgeladenen Zaun zu berühren, ihre Vorderbeine hinter ihm ins nasse Gras rammen.

Als Müller sich von seinem Schreck erholt, seine Brille und den Hut richtig aufsetzt und mit den Fingern sein Gesicht ertastet, kann er schmerzvoll feststellen nicht nur eine dicke Lippe riskiert zu haben!

Beginn

Bei Müllers beginnt die Zeit des Suchens …….

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Chips aus dem Wald

Chips vom Acker, kein Problem. Die Firma mit dem grossen „Z“ aus der Schweiz, machen es mit den drei orange-gekleideten Männer vor.

Aber Chips aus dem Wald. So einfach wie in der Werbung ist dies nicht. Zugegeben, ganz im Wald findet man die Chips nicht. Auch nicht wenn man sich goldfarben anzieht. Tipp, Sie verstecken sich meist am Waldrand. Zur Tarnung wachsen sie unter welkem Gras. Dessen gelbe Farbe übernehmen sie so exakt, dass des Suchers Auge schon genau hinsehen muss um die Köstlichkeit auszumachen.

Merkt man sich frühere Fundstellen, wird es einfacher und der Sammelkorb füllt sich im nu bis zum Rand. Nur ist der Inhalt in dem Moment noch keine richtiger Chipshaufen. Dazu bedarf es einer Trockenanlage in Form eines Dörr-Ex. Auf dessen Sieben werden die Pfifferlinge mit dem goldenen Stiel ausgebreitet und getrocknet.

Goldstielige getrocknet, abgefüllt im Glas
Goldstielige getrocknet, abgefüllt im Glas

Ist der Trockenprozess beendet, steht dem Genuss der so entstandenen Chips nichts im Wege und zum Apéro überrascht man seine Gäste damit garantiert.

gerettet und doch verloren

Die ganze Woche schon und Müller kann es nicht mehr hören, attackiert ihn die liebste Müllerin, mir der simplen Frage ob es in diesem oder jenen Waldgebiet eventuell schon von den Kappenmännchen stehen hat. Müller antwortet jedes Mal mit gleichen Worten: „Könnte schon, aber angesichts der Trockenheit.“

Heute Sonntag lüpfst dem Müller den sprichwörtlichen Deckel. Zieht sich nach dem Frühstück die Pilze-Such-Uniform an und meldet seiner lieben Mitbewohnerin Bereitschaft zum ausschwärmen. Aus Geheimhaltungsgründen, bei den Pilzesammlern ist es wie bei der Armee, kann hier die Koordinate des von den Müllers angepeilten Wäldchens nicht bekannt gemacht werden. Ein Bild muss genügen.

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Die erste Viertelstunde angestrengter Sucherei ist fast vorbei, kommt die Müllerin mit ausgestreckter Hand auf Müller zu. „Ich wusste es, sie sind wieder da!“ Müller verdreht die Augen. Er weiss nur zu gut,  hiermit ist die Jagd auf die Kappenmännchen gestartet. „Ein Pilz ist noch Keiner,“ murrt er vor sich hin, nimmt seinen Rucksack vom Rücken, zieht aus dessen Innern einer der weissen Stoffsäcke und reicht ihn seiner Begleitung.

Weiter geht der Streifzug. Kein Männchen, schon gar nicht mit Kappe zu sehen. Müller triumphiert in seinem Innern. „Ich wusste es, zu trocken.“ Seine Begleitung bläst nach einer halben Stunde mit den enttäuscht klingenden Worten in der Stimme: „Da gibt es wirklich Keine!“ zum Rückzug. Über meterhohe Brombeerstauden und Farne steigen Müllers auf die höher gelegene Strasse. Aus dem Dickicht getreten, wuchtet Müller das Bein mit dem Schuhe, in dessen Innere sich ein Stein verirrt hat in die Strassenböschung, beginnt den Knoten im Schuhbändel auseinander zu fädeln und traut erst seinen Augen nicht. Soll er den Rückzug abblasen, einfach weiterlaufen. Geht nicht, die Müllerin mit den Augen einer erfahrenen Kappenmännchenjägerin kann Die, welche in Reichweite vor Müller stehen, nicht übersehen. Kleinlaut meldet sich Müller: „Nimmst du sie?“ „Selbstverständlich gerne!“, tönt es zurück. Das Klicken des Messers welches die Müllerin, über ihr ganzes Gesicht strahlend öffnet, ist weithin hörbar. Ab jetzt füllt sich Ein weisser Sack nach dem Andern und verschwindet in Müllers Rucksack.

Zuhause bietet sich diese Bild, einen Tisch voll herum liegender Pilze:

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Müller muss beim Nachtessen kleinlaut zugeben: „Es gibt sie auch diese Jahr , die Kappenmännchen. Und wir haben sie vor dem kommenden Regen gerettet. Dafür müssen sie nun auf den fünf Dörr-Ex Gittern schwitzen, sind gerettet und doch verloren.“ „Und erfreuen unsere, aber auch andere Gaumen in den kommenden Monaten“, erwidert die Müllerin. Da bleibt der Müller stumm, wenn Sie recht hat hat sie recht.