Blende 8; 1/125;

Die magische Zahlenkombination murmelte Vater oft, an das kann sich Müller gut erinnern. Sobald dieser die Fotokamera in den Händen hielt schien er in eine andere Welt entrückt.

Noch heute spötteln die Söhne und deren Mutter wie lange es dauerte bis die passende Bildkomposition gefunden und dies nicht der Schluss der Vorbereitungen zum Druck auf den Auslöser war. Das Komponieren des Bildes war erst der Anfang. Die richtige Verschlusszeit und die passende Blende wollten auch noch festgelegt sein. Dazu führte Papa Müller einen Belichtungsmesser mit, den er aufs Genaueste abzulesen pflegte. Meist kam dabei „Blende  8; 1/125“ heraus. So brauchte es mehrere Minuten der Geduld von denen die aufs Zelluloid gebannt werden sollten. Bis doch noch der mechanische Verschluss geöffnet und das Licht zur lichtempfindlichen Film-Oberfläche durchgelassen wurde.

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Heute können sich immer weniger Leute erinnern wie jedes Foto erster verdient werden musste. Sei es durch langweiliges stillstehen der Statisten, heraustüfteln der besten Komposition durch den Fotografen und entwickeln des Filmes samt dem Erstellen der Bildabzüge vom Laboranten.

Der inzwischen 88-jährigen Papa Müller fotografieret inzwischen mit seiner Digital-Kamera so schnell, dass niemand mehr dazu kommt spöttelnd über den Fotokünstler herzufallen. Von der alten Fototechnik hat dieser sich verabschiedet. Jedenfalls murmelt er die magischen Zahlen nicht mehr.

Blende 8; 1/125 Verschlusszeit ade.

Radtour 2013: „Begegnung“

Ein schöner Tag soll es werden, so meldete jedenfalls der Wetterbericht frühmorgens. Müller plant anlässlich seines Ruhetages die Prager Neustadt zu entdecken. Wenige Hausecken von seinem Hotel entfernt, führt eine Treppe mit Stufen aus Beton auf einen Platz neben das Gebäude für alternative Kunst. Der Platz ist fast menschenleer, was sich gestern noch ganz anders in Müllers Gedächtnis festgesetzt hat. Hier trafen sich Menschen jeden Alters und Geschlechts um zu kommunizieren, zu rauchen oder Kaffee zu trinken. Nun sind alle weg. Die Stühle welche am Vortag mittels einer langen schnurgeraden Reihe eine Bar-Line bildeten und vor kleinen Tischen standen, sind zu einer Tisch-Stuhl-Skulptur ähnlich einem Scheiterhaufen zusammen gestellt, mittels Drahtseil und Vorhängeschloss gegen Diebstahl gesichert.

Von der langen Seite des Platzes beginnt es im Morgenlicht erst zögerlich zu schimmern, um bald darauf kräftig rot zu erstrahlen. Der Körper der den Schimmer der Morgensonne zurückwirft, zieht die beiden einzigen Personen auf dem Platz derart an, dass sie sich diesem wiederstrahlenden Gebilde andächtig nähern. Die attraktive Frau von der einen Seite, Müller von der Andern. Sie stellt sich neben die knallrote Figur, drückt ihre rechte Wange an die Kunststoffoberfläche. Mit ihrer linken Hand und ausgestrecktem Arm hält sie eine Handy-Kamera vor ihre makellosen Gesichtszüge und lächelt.

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Mit dem Resultat der so gefertigten  Porträts scheint sie nicht glücklich zu sein und wiederholt das Recken ihres linken Armes, das Hinstellen ihrer schlanken Gestalt und das Hindrücken ihrer rechten Wange mehrmals aufs Neue.

Wie Müller auf ihre Seite kommt, unterbricht die Schöne abrupt ihr Tun und wendet sich genau in dem Moment ab wie er den Mut aufbringt seine Hilfe anzubieten. Sie schaut angestrengt auf die kleine, schwarze Glasscheibe in ihrer linken Hand, streicht zärtlich den Mittelfinger ihrer rechten Hand darüber und schreitet mit der Eleganz einer Frau die in dieser Stadt zuhause ist, mit zufriedenem Lächeln zur Steinmauer am Rande des Platzes. Auf die setzt sie sich und ihre langen, aus kurzen Hosen ragenden Beine schlägt sie übereinander.

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Müller kramt seine Kamera aus einer seiner Hosentasche, beginnt selber Aufnahmen von der Skulptur welche eine Blumenblüte darstellt anzufertigen. Auch er schaut sich genau, wie die Frau mit den langen Beinen in den kurzen Hosen, jedes Foto an und versucht durch wechseln des Standortes eine bessere Pixel-Erinnerung zu erhalten. Er stellt sich auf seine Zehen, kniet nieder und verrenkt sich wie ein Artist. Mit ihrem betörenden Lächeln beobachtet die Frau auf der Mauer den Fotografierenden aus geringer Entfernung.

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Ist er mit seinen Bildern zufrieden, steckt Müller die Kamera in die Hosentasche zurück und schlendert mit Schritten eines Mannes der diese Stadt nicht sein Zuhause nennen kann, auf die noch immer auf der Mauer sitzenden Frau zu. Um sich lächelnd, wortlos, nur mit einer einfach angedeuteten Handbewegung zu verabschieden und bei der nächsten Hausecke auf neue Begegnungen zu treffen.

Da merkt er plötzlich, dass er weder den Namen des Künstlers noch Den der rotleuchtenden Skulptur in Erfahrung gebracht hat, irgend wie ist Müller abgelenkt.