die Drähte müssen weg

IMG_0376Die letzten fünf Fahrräder warten  im Keller auf ihre erste Ausfahrt im Jahr 2013. Zuvor muss noch der Fahrer selber in Schuss gebracht werden. So liest Müller die Anwendungsanweisung auf der Tubenrückseite. Die Weisung ist so (zu) lange, dass er bis zur Mitte kommt und sich entschliesst sofort den Deckel von der Tube zu schrauben und die weissliche Flüssigkeit des Inhaltes gleichmässig an seinen Beinen zu verteilen. Vier Minuten warten, ab in die Dusche. Brause in die eine Hand, Waschlappen in die Andere und Wasser marsch. Tatsächlich, die „Drähte“ an Müllers Beinen lösen sich aus ihren Verankerungen um mit dem Wasserstrahl und der Hilfe des Waschlappens in Richtung Abfluss zu rauschen.

Ein rechter Gümmeler (Rennradfahrer) rasiert sich vor der ersten Ausfahrt seine Beine. Heute fährt Müller aus!

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am Spiess

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Nasse Füsse floppen die steile Treppe hoch. Schwarze Puma-Flipps geben ihnen Haftung. Überall Feuchtigkeit, auf den Stufen, auf dem Mosaikboden bis in die letzte Ecke.

Müller stösst die mächtige Glastür vor ihm zur Seite trippelt um die Ecke und wird an den Füssen von einem schnittigen Wasserstrahl getroffen. „Entschuldigen Sie,“ ruft eine ganz in weiss gekleidete Frau beim Zurückweichen. Sie hat in ihrem Eifer mit grosser Konzentration dem breiten, schnittigen Wasserstrahl auf dem Boden nachgeschaut, Wie der durch gleichmässige Bewegungen ihrerseits, mit hohem Druck aus einer Düse am Ende einer Metalllanze, welche an einen blauen Schlauch steckend über ihre Schulter hängend, von einem Wandfuss zum anderen schoss.
„Schon Ok“, sagt Müller, „stimmt für mich, wenn der Fussboden sauber ist. Nichts Schlimmeres als über Sockenfluseln und Haare aller Art zur Dusche und Garderobe floppen zu müssen.“ Die Frau putzt mit Hin und Her dem Wasserstrahl nachsehend weiter.

Müller geniesst das laue Wasser in der Dusche, schlüpft danach in seinen grauen Bademantel mit der Stickerei auf dem Rücken welche in grossen Buchstaben seinen Vornamen preisgibt. Das wenige Kopfhaar unter dem blaulackierten, an der Wand montierten Industrieföhn schnell getrocknet, schreiten nun die immer noch nassen, auf schwarzen Puma-Flipps steckenden Füsse in die Garderobe.

Da, wie aus dem Nichts schlägt ein Mark durchdringender Schrei an des Müllers Ohren. Der Schrei geht in Gewimmer über um sogleich, auf ein Neues ohrenbetäubende Ausmasse anzunehmen.
Müllers gute Laune ist im sprichwörtlichen Eimer. Nach dieser Ruhe im Schwimmbecken, unzählige Längen auf- und abschwimmend, nun die reine Hölle. Das Kindergeschrei verstummt nicht, hält an. „Soll ich rüberkommen und mithelfen!“ Müller brüllt die Wort so laut wie möglich über die Mauer zur Damen-Garderobenseite. Auf einen Schlag kehrt Ruhe ein, nein Stille. Kein Wort mehr, den Kindergeschrei zu hören nur die schiere Stille. Dann, „Du musst jetzt leise und ganz schnell die Kleider anziehen“, im Flüsterton beginnt eine Frauenstimme ihre Motivations-Leier welche schon hunderte Male in Müllers Ohren lag. „Sonst kommt er rüber!“

„Vielen Dank.“ Vor Müller steht ein Mann seines Alters, „Mir gab das Kind am Spiess auch auf die Nerven.“ Sagt es und verschwindet hinter seinem Garderobenkasten.