im Café, eine Begegnung

„Roman, setz dich in die Ecke ganz hinten!“, ruft eine Frauenstimme von der Selbstbedienungstheke herüber.

Roman läuft erst am Bistro-Tischchen wo der Müller sitzt vorbei, stopp dann seinen Schritt, hält inne, dreht sich um und setzt sich an das Tischchen neben Müller und wartet.

Die Frau welche von der Theke gerufen hat, kommt mit einem Tablet, darauf einen Tee, ein Glas Kindersirup mit Trinkhalm, dazu auf einem Teller eine Süssigkeit in Form eines Maikäfers.

Roman sieht die Frau, seine Mama wie sich herausstellt, nicht kommen. Er ist mit Müller seit er sich nebenhin gesetzt hat am berichten.

Vom letzten Wochenende, dem Besuch im Zoo. Dreimal musste er zu den Koalabären, laufen bis sie einmal nicht geschlafen hätten. Pinguine möge er auch. Drum trage er heute ein T-Shirt mit den lustigen Watschlern drauf.

Inzwischen geniest Roman sichtlich seine Süssspeise. Nippt ab und zu am Trinkhalm der im Sirupglas steht, um darauf mit seinen grossen Augen dem Müller zu erklären:

„Die Elefanten finde ich auch schön. Die sind so gross und stark.“

Mit einer schlaksigen Bewegung sticht er den Rest der Süssigkeit auf die Gabel in seiner Hand. Schwupp ist auch das letzte Stück im Mund von Roman verschwunden.

„Roman wir müssen gehen“, die Mutter drängt. Sie scheint in Eile zu sein.

„Tschüss“, sagt Roman, steht auf und geht seiner Mutter hinterher.

Jetzt hält Müller inne. Noch nie, konnte er sich mit einem Jungen der mit dem Down-Syndrom durch die Welt geht, so prächtig unterhalten.

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Waschanlage, eine Begegnung

Es ist wieder mal Zeit für eine ausgiebige Wäsche. Nicht seinen PkW steuert Müller zur nahen Waschanlage. Sein Alltagsfahrrad das er den Winter durch kaum und im Frühling noch gar nicht genutzt hat, das schiebt er nun in die einseitig offene Waschbox. Ein Schweizerfranken in den Bedienkasten der Anlage geworfen, los geht es. Erst noch muss geklärt werden welches der Programme für ein von Spinnweben und Blütenstaub verdrecktes Fahrrad das Richtige sei. Müller findet Waschen, dann Spülen muss genügen.
Der Wahlschalter wird gedreht, dann der Startknopf gesucht. Das dauert. Bei der Suche wird Müller von einem Unbekannten angesprochen:

„Guten Tag, darf ich kurz?“

Der Mann bückt sich und holt aus einer Ecke der Box eine leere PET-Flasche, aus der anderen einen Plastiksack mit Inhalt, Müll.

„Sie glauben nicht was ich hier täglich zusammentrage“, sagt der Mann weiter, „die Leute glauben hier sei eine Entsorgungsstelle. Alles was sie beim Autowaschen los werden wollen, werfen sie in eine der Ecken.“

„Was soll es? Für mich hat das Ganze auch eine gute Seite“, spricht der Mann weiter, „so komme ich ab und zu von meinem Bürostuhl hoch.“

Erst jetzt bemerkt Müller den Anzug und die blauen Plastikhandschuh die der Mann trägt.

„Der Startknopf am Steuergerät ist links unten“, sagt er zu Müller, bevor er in der anderen Waschbox verschwindet.

 

Sie haben ihren Ständer unten

Welchen Ständer? Müller schiebt sein Tourenrad neben sich her auf den Fahrradabstellplatz neben der Café-Terasse. „Passen Sie auf, der Ständer ist wirklich unten!“ ruft eine Männerstimme aus Richtung des letzten Tisches in einer langen Reihe vor dem, von Müller für eine Erfrischung ausgesuchten Strassencafés. „Natürlich ist der Fahrradständer nach unten geklappt“, denkt Müller und lässt sein Tourenrad samt Gepäck von dem soviel Aufmerksamkeit verbreitenden Ständer in der Vertikale haltend zurück und wendet sich dem letzten Tisch in der langen Reihe zu.

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Da sitzt der rufende Mann mit zwei adretten Damen, welche sich vor Lachen biegen. Der nach unten zeigende Ständer muss die offene Heiterkeit ausgelöst haben. Müller bedankt sich für die Aufmerksamkeit und verrät damit seine Herkunft. „Sie kommen aus der Schweiz!“, ruft eine der beiden Damen. Sofort kommt ein Gespräch zum Woher – Wohin in Gange. „Mit dem Zug von Zürich über Stuttgart nach Frankfurt, dann hierher nach Oberrad“,  erzählt Müller. „Warum gerade in diesen Vorort von Frankfurt?“ wird gefragt. „Zufall“, antwortet Müller wahrheitsgemäss.

Die drei lassen nicht locker. Müller und seine Mitreisende werden an den Tisch geladen und erfahren aus berufenen Munde so einiges über Region und Leute. Obschon die Drei seit den frühen Mittagsstunden hier sitzen, und eigentlich schon lange die morgens eingekauften Lebensmittel in den Kühlschrank verstauen sollten, beantworten sie  jede Frage der Müllers gerne. Die Themen spannen sich von gefahrenen Radtouren über ausgeübte und aktuelle Berufe hin zu Unterkünften beim Reisen, der Banken-Welt in Frankfurt und der Schweiz, schätzen von Altersjahren und der Spezialität der Region der „Grünen Sauce“ und vieles mehr.

Immer wieder bringt die Bedienung gefüllte Gläser und tauscht den vollen Aschenbecher gegen einen leeren. Die Stimmung wird lustig und lustiger, verführt zum Verweilen bis der Blick auf Müllers Uhr klar werden lässt, der Nachmittag ist um. Das Zimmer im Hotel an der Strasse welche den Dorfhügel hoch führt ist immer noch nicht bezogen. Die vorgerückte Stunde wollen die Gastgeber nicht als Argument zum Gehenlassen der Radfahrer aus der Schweiz gelten lassen. Sie kennen den Besitzer des Hotels, welches sehr sauber sei und mit einer ausgezeichneten Küche Leute aus Nah und Fern anlocke, dieser Besitzer werde das Zimmer schon nicht weiter geben. Müller muss sich was einfallen lassen um losziehen zu können. Die Lösung kommt in Form einer riesig schwarzen Wolke daher.

Kaum hat sich die lustige Runde aufgelöst fallen die ersten Regentropfen vom dunklen Himmel. Die adretten Damen setzten sich unter einen Sonnenschirm zu zwei jungen Männern und ziehen den Nachmittag damit noch weiter in die Länge. Die Müllers klappen ihre Fahrradständer hoch und fahren los.

Spannend wie der ausgeklappter Fahrradständer zu einer unvergesslichen Begegnungen führt und damit die Radtour bereichert.