viel Ehre

Auf die Plätze fertig, los!

Er tritt in die Pedalen. Vor dem Haus in dem er wohnt, fällt die Strasse leicht ab. Schnell nimmt das Fahrrad auf dem er sitzt Fahrt auf. Wie er wieder von der Strasse auf und nach vorne schaut, sieht er wie alle seine Konkurrenten durch die Rechtskurve verschwinden. Nach wenigen Augenblicken ist auch KleinMüller an dem Ort wo die anderen rum geschrammt sind. Er legt sein Fahrrad in die Kurve und kommt in einem Zug ohne zu bremsen rum.

Die Strasse fällt nun steiler ab, die Fahrt wird schneller. Das STOP-Signal neben der Einfahrt in die Hauptstrasse kommt rasend schnell näher. Ein Blick nach links, kein Auto in Sicht! Wieder ohne zu bremsen durch die Kurve. Auf der Geraden das Fahrrad aufrichten und strampeln, strampeln was die Beine hergeben. Die Mitstreiter, alle um Köpfe grösser als KleinMüller pedalieren schon auf der Höhe der neuen Kirche, werden im Nu die Rechtskurve beim Schulhaus erreichen und sind damit wieder ausser Sichtweite. Sie sind alle nicht nur grösser, auch viel stärker und damit die klaren Favoriten auf den Sieg, in dem kurzfristig, vor dem Mittag einberufenen Radrennen.

Wie KleinMüller um die Schulhauskurve zieht, sieht er am Ende der sich ihm in den Weg stellenden Steigung die letzten beiden Grossen am Horizont verschwinden. Er drückt den Hebel der Armatur für die Dreigangschaltung nach unten, hebt seinen Hintern aus dem  Sattel und schwingt im Wiegetritt auf seinem Rad den steilen Hügel hoch. Oben angekommen, fährt er wiederum alleine bis zum Haus wo er wohnt. Jetzt sind alle verschwunden. 12 Runden sind ausgemacht, es beginnt KleinMüllers Zweite. Der Durst wird grösser. Drum hält KleinMüller bei der Alten Kapelle. Vor der steht ein Brunnen. Da gibt es köstlich frisches Wasser zu trinken. Wie er sich zum Wasserspeier vorbeugt, künden seine Konkurrenten im Vorbeisausen die erste Überrundung an. Schnell steigt er wieder auf sein Fahrrad um den Grossen nach zu kommen welche bereits wieder um die Schulhauskurve biegen. Dieses Mal bleibt KleinMüller im Sattel sitzen um im kleinsten Gang seiner Kettenschaltung den Hügel zu erklimmen.

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Natürlich hat er auch dieses Mal das nachsehen. Alle sind schon wieder weggefahren. So geht das Runde für Runde. Keiner der Mitstreiter kommt mehr in Sicht. Mit hochrotem Kopf und keuchendem Atem kämpft sich KleinMüller weiter. Weiter bis er erstarrt von dem was er am Strassenrand zu sehen bekommt. Seine rasende Fahrt ausrollen lässt und schliesslich beide Bremshebel bis an die Handgriffe zieht, die Füsse auf den Boden stellt und nach Atem ringt.

Vor ihm stehen die Fahrräder seiner Konkurrenten. Die biegen sich vor lachen und halten ihre Bäuche wie sie aus der Deckung des nahen Gebüsches kommen.

„Das waren aber viel Ehrenrunden!“, ihr spöttischer Kommentar.

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Schulweg

Vor fünfzig Jahren waren Winter noch echte Winter. Solche die dem Namen auch gerecht wurden. Daran erinnert Müller’s heutige Notiz auf seinem virtuellen Nagel:

Im Winter war es für KleinMüller üblich mehr Zeit für den Weg zum Schulhaus einzuplanen. Frisch gefallener pulvriger Schnee mit kühnem Schritt zu durchkreuzen und immer wieder zurück auf die gelegte Spur zu schauen, war für ihn eine zutiefst erbauende Tätigkeit und forderte entsprechend Musse. Der Genuss konnte einen durchaus vergessen machen, dass Lehrer oder Lehrerin auf einen warteten. Und, es gab noch ganz andere Winterphänomene als blosser Pulverschnee, die bewirken konnten, dass der Lehrkörper seine ganze Schulklasse nicht wie vorgesehen pünktlich um sich versammelt bekam.

„Wo ist der Müller geblieben“, fragt der Lehrer in die Klasse. Keiner sagt etwas und die welche Genaueres berichten könnten schweigen, im Wissen um die Zusatzhausaufgaben welche sie aufgebrummt bekommen, würden sie berichten was auf dem Schulweg vorgefallen ist. Ihre Blicke halten sie drum auf ihre Geschichtsbücher gesenkt. Nicht aus zudenken, wenn ihre Eltern auch noch Kenntnis vom Vorfall bekommen, weil die Strafaufgabe von ihnen unterschrieben, zurück gebracht werden muss. Elterliche Schelte käme dazu.

So bleibt die Erinnerung des heute absolvierten Schulweges vorerst in den Köpfen der Schulkameraden KleinMüllers. Der wettete mit ihnen, dass er es schaffen werde, trockenen Fusses als erster in den Unterricht zu kommen. Einige Kameraden hielten gegen die Wette und vereinbarten in diesem Bewerb mit zu tun.

„Auf die Plätze, fertig, los“, rufen die Mädchen, welche sich klug zurück halten und bloss zuschauen. Die Burschen stürmen los. Nach wenigen Metern übernimmt KleinMüller die Spitze des Rennens. Mit kleinen, schnellen Schritten kommt er im pulvrigen Schnee leicht voran. Nicht umsonst stieg er heute morgen in seine ledernen Skischuhe mit der groben Profilsohle und der Doppel-Schnürung. Dort wo der Untergrund glatt und flach ist, wechselte KleinMüller in den Schlittschuhschritt und gewinnt so noch mehr Distanz zu seinen Verfolgern. Von denen gibt sich der eine und andere bereits nach wenigen Metern geschlagen, derweil sich die Verbliebenen unter den Hopp, hopp Rufen der Mädchen weiter mühen. Mühen, die Wette zu gewinnen und als Erster die Schulhaustreppe zu erreichen. Die Jungs vergessen vor Eifer völlig wo und auf was sie sich vorwärts bewegen.

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Über Konsequenz und Gefahren hat sich keiner der kopflos Scheinenden auch nur einen Augenblick Gedanken gemacht. So kommt es wie es in solchem Fall meist kommt. Mit einem lauter werdenden Knirschen und überraschenden Knall findet der Wettbewerb der Buben ein jähes Ende. KleinMüller, immer noch Führender im Bewerb wird von nachgebender Naturgewalt, wenige Meter vor dem Schulhaus am Weiterstürmen gehindert. Seine schlingernd rudernden Armbewegungen helfen rein gar nichts. Er steht kurz nach dem Knall bis zum Bauch im eisig kalten Wasser. Schaut verdutzt um sich. Der weil die Eisdecke um ihn noch weiter einbricht. Die Mädel kreischen erst entsetzt und lachen kurz darauf wie sie KleinMüller bei der Flucht aus der sprichwörtlichen Patsche zuschauen. Der legt sich aufs Eis vor ihm und bringt sich kriechend in Sicherheit.

Die Idee, den phänomenal vereisten Bach, statt den pulvrig verschneiten Kiesweg hinunter zur Schule zu rennen, war wohl nicht die Beste. Mit den klatschnassen Klamotten konnte er nicht zum Unterricht. Schnell nach Hause die Kleider wechseln. Wartender Lehrer hin oder her.