Gestern

Gestern besuchte Müller wiedermal die Versickerungsstellen bei Immendingen. Es war einer der 155 Tage wie auf dem Holzschild beschrieben. Das Bett der Donau an mehreren Stellen knochentrocken:

Wen es interessiert, hier mehr dazu: Donauversickerungen im Wikipedia

 

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Müller spinnt

Frau Müller hat schon manches Ding mit ihrem Mann erleben müssen. Aber was der heute am Essenstisch geboten hat, übersteigt so manch bisherige. Da liegt doch tatsächlich eine Seifenschale samt Lavendelseife zwischen den Tellern.

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„Lavendelduft hält Ungeziefer fern“, seine Begründung für die aussergewöhnliche Tischdekoration.

Die ersten Wespen waren tatsächlich nur kurz zu Besuch. Jedoch traf nach geraumer Zeit die nächste Horde ein und verschwand blitzschnell vom Tisch. Das Schauspiel fand noch mehrfach statt. Ob die Letzten die Ersten oder wieder andere waren kann Müller nicht sagen und somit auch nicht ob der Duft tatsächlich Wirkung zeigt.

 

 

Knarzgeräusche

Es ist zum verzweifeln! Müllers Radtour startet bei schönstem Wetter. Perfekte Lufttemperatur, die Sonne am Himmel wird nur selten von einer Wolke verdeckt. Des Fahrradfahrers Herz schlägt höher den je. Wenn da nicht die Knarzgeräusche vom linken Schuh an Müllers Nerven zerren würden. Was soll es, die Ausfahrt hat gerade begonnen und umdrehen bei dem Wetter, kommt für den Geplagten nicht in Frage.
Nach der Rückkehr ist genug Zeit sich um das Schuhwerk zu kümmern. Zum Glück bläst ab und zu ein Gegenwind um Müllers Ohren. Dann ist das Geräusch nicht zu hören, bergauf dafür umso deutlicher, ob mit oder ohne Wind.

Nach 72km wieder zurück am Reisemobil staunt Müller nicht schlecht. An beiden Schuhen löst sich das Gummiprofil. Am rechten Schuh ist die Sohle gar eingerissen.

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Was tun? Müller fährt erst in zwei Tagen nach Hause. Sich aber vor allem seiner Frau kann er die Knorzerei bei einer nächsten Ausfahrt nicht zumuten. Mal kurz nachdenken was Abhilfe schaffen kann. Darauf die Idee: Fett!
Schuhfett genauer, davon führt Müller eine ganze Dose mit um seine Wanderschuhe zu pflegen. Von diesem Fett streicht Müller eine grosse Portion in die Ritzen zwischen Schuh und sich lösende Sohle.

Somit sollten die zwei kommenden Touren doch noch in erträglicher Geräuschkulisse über die Bühne gehen. Mal sehen, besser gesagt: hören.

Alb statt Ardèche

Bei Müller steht der Urlaub an. Die Routenplanung Ardèche kann in den Kübel geworfen werden. Der Grund dafür liegt im Bereich von Müllers Schultern. Die dürfen auf keinen Fall strapaziert werden. Wer nicht weiss wie es zu diesem Schongang gekommen ist, kann das hier nachlesen.
Jedenfalls hat Frau Müller die geniale Idee ihrem Schulterlädierten Mann ein Badekur zu verpassen. Ausgerechnet diesem Thermal-Bäder-Hasser!

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So rollt das Reisemobil der Müllers von Radolfzell herkommend in Bad Saulgau direkt auf den Stellplatz neben dem Thermalbad. Ausser das Fahrzeug einweisen, muss Müller keinen Finger krümmen oder eine Achselpartie beanspruchen. Nebst dreimal täglich im Wasser die Arme vorsichtig auf und ab, hin und her bewegen, gibt es es die nächsten Tage, sieht man von den Spaziergängen ins Städtchen und den nahen Wald ab, null sportliche Betätigung.

Was die vier Herren in Eisen neben dem Optik-Laden im Städtchen tun oder diskutieren, konnte der Müller nicht in Erfahrung bringen.

Dafür fand er an der Strasse zum Thermalbad einen Verkaufstand mit leckeren Erdbeeren. Wer allerdings nicht zu spät kommen will, stellt sich am besten schon Morgens in die Reihe, um sich eine oder mehrere Schalen gefüllt mit den köstlichen Früchten zu ergattern.

Nach vier Tagen Thermalwasser reicht es dem Müller. Obschon er zugeben muss, dass die Schmerzen wenigstens zeitweise nachgelassen haben. Doch genug ist genug, wie andere sich hier wochenlang aufhalten können, versteht auch die verständnisvolle Frau Müller nicht. So hebt sich die Stellplatz-Schranke für den müllreschen Auszug aus Bad Saulgau. Die Fahrt nach Riedlingen dauert nicht lange. Um so länger dauert es den Zugang zum Stellplatz zu finden .

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Die Müllers drehen eine Runde in der weiten Landschaft um die Stadt und fahren wieder vor die gleichen Baustellen-Schilder wie vor 30 Minuten. Diesmal fährt Frau Müller beherzt am Schild vorbei weiter und sie da, der Zugang zu Parkplatz ist offen. Nur über die grosse Brücke kann man nicht hinüber in die Altstadt gelangen.

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Die Fussgängerbrücke gleich neben dem Stellplatz ist dafür ganz neu und wird von den Stadtverantwortlichen für den Übergang von Radtouristen schelmisch angepriesen. Müllers bleiben eine Nacht. Der andauernde Fußgänger-Verkehr vor dem Platz zur erwähnten Brücke nervt. Zudem funktioniert die V+E nicht.

Bei strahlendem Sonnenschein fahren die Müllers Richtung schwäbische Alb. Genauer in der mittleren Alb ins Städtchen Hayigen. In der Touristeninformation werden sie ausführlich über Wandermöglichkeiten, Sehenswürdigkeiten und Fahrradwege aufgeklärt

und sind vom Angebot überrascht, machen erst einen Spaziergang in die Altstadt und anschliessend in die Umgebung. Dabei führt die Erkundungstour ins Tal der Grossen Lauter. Sofort sind die Müllers sich einig, das Tal müssen wir uns genauer ansehen.

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Mit dem Reismobil fahren wir steil hinunter nach Indelhausen. Beim alten Bürgermeisterhaus gibt es einen Wanderparkplatz der über eine schmale Brücke erschlossen ist. Frau Müller fährt das Mobil gekonnt auf den Platz. Wo neben an Dauergäste das Manöver neugierig beäugen.

Der Platz ist Idylle pur.

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Die Müllers verbringen eine ruhige Nacht mit einer morgendlichen Überraschung, das Aussenthermometer zeigt minus ein Grad Celsius. Ein klärendes Gespräch mit Einheimischen bestätigt den Umstand mit der Bemerkung: “ wir kratzten heute Morgen Eis von den Frontscheiben unserer Fahrzeuge!“ So muss sich Müller also doch keinen neuen Thermometer anschaffen.

Nach dem die Sonne viel Wärme ins Tal der Grossen Lauter geschickt hat, fahren die Müllers mit ihren Fahrräder talwärts in Richtung Donau. Die Landschaft ist fantastisch und den Wanderern und Fahrradfahrer überlassen. Es gibt keine motorisierten Verkehr.

In Zwiefalten wird das Café neben der Klosteranlage aufgesucht, bevor die Fahrt zurück unter die Räder genommen wird.

Nächster Halt ist beim Gasthof Friederichshöhle. Die Höhle wird von Booten befahren. Eine Fahrt die Frau Müller so gar nicht reizt. Über Hayingen geht die Fahrt, vorbei an herrlich klaren Bachläufen, zurück zum Mobil.

Anderntags führt die Erkundungstour Richtung Norden. Dieses Mal führt der Radweg das Tal hoch. Zum Glück dem motorisierten Verkehr ausweichend meist auf der entgegengesetzten Talseite. So entdecken die Müllers den Reisemobilstellplatz in Münsingen.

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Von Münsingen aus radeln Müllers die kommenden Tage in alle Himmelsrichtungen. Die erste Fahrt führt nordöstlich über den stillgelegten Waffenplatz aus dem vorangegangenen Jahrhundert. Dieser ist inzwischen zum Rückzugsort von Tieren und seltenen Planzen geworden. Weg dürfen nur mit einem Führer verlassen werden. Wir sahen Fuchs und Hase, Greifvögel und die Landschaftspfleger auf vier Beinen, die Schafe.

Am nächsten Tag führt die Route in südliche Richtung. Müllers lernen Ungewöhnliches kennen. So wurden die Weinbergschnecken im letzten Jahrhundert bis nach Wien verfrachtet. Die Schnecken wurden in Gehegen gefangen gehalten bis sie in den kalten Jahreszeit ihr Gehäuse zum Überwintern verschlossen, dann wurden sie in Fässer gepackt und konnten ohne weitere Konservierung transportiert werden. Die weidenden Büffel auf Wiesen an denen wir vorbei fahren wirken exotisch. Wie wir in Wasserstetten Fotos sehen wie in früherer Zeit die Schafe vor ihrer Schur durch den Bach getrieben und von in Fässer stehenden Männern geschrubbt wurden kommen wir aus dem Staunen nicht mehr heraus.

Da sind die Pferde im Landesgestüt Marbach oder auf einer Wiese am Radweg schon viel vertrauter. Trotzdem, die Fohlenschau (mit über 500 Fohlen) will die Frau Müller unbedingt sehen. Der Müller willigt unter der Bedingung, nach einer Stunde weiter zufahren, ein. Führ ihn sehen die Pferdekinder alle gleich aus.

Von Münsingen aus wirklich durch eine wunderschöne Natur pedalieren.

und das Beste, im Städtchen gibt es zwei Eisdielen. Eine hat immer geöffnet. Nach der vierten Tour um Münsingen ziehen die Müllers weiter. Die Reise führt nach Neuffen. Der Reisemobilstellplatz beim Schiessstand ist bestens ausgeschildert und schön gelegen.

Fahrradtouren führen bis nach Nürtingen. Die Auffahrt zur Burg Neuffen ist sehr steil und mit den Fahrrädern, die haben bei Müllers keinen Motor, eine echte Herausforderung zu befahren. Die Anstrengung lohnt auf jeden Fall, bei dem heute so schönen Wetter besonders.

Anderntags drehen Müllers wieder den Zündschlüssel. Die Fahrt führt vorbei am Schloss Hohenzollern nach Dormettingen. Hier gibt es einen Stellplatz am Schiefererlebnispark. Ganz in der Nähe ein Outlet der Firma mey. Dort deckt sich Müller mit neuen Schlafanzügen und Unterwäsche ein.

Der Erlebnispark wurde von der Firma holcim erstellt, diese baut in der Nähe Oelschiefer ab und macht daraus dunkelfarbigen Beton.

Im Park kann jeder der sein Eintrittsgeld abgeliefert hat, mit Hammer und Meissel den wöchentlich neu aufgelegten Schieferplatten aus dem Steinbruch zu Leibe rücken. Mit Glück findet sich die eine oder andere Versteinerung die gegen ein kleines Entgelt vom Fachmann versiegelt wird. Wer dies nicht tut weil ihn der Cent reut, kann sich nicht lange an der kleinen oder grossen Herrlichkeit erfreuen. Die Feuchtigkeit bringt die Versteinerung nach kürzester Zeit zum Verrotten.

Wieder Mal gehen die Ferien ihrem Ende entgegen. Müllers fahren nach Geisingen an die Donau. Radeln da noch ein paar Kilometer und schliessen die vor zwei Wochen begonnene Bierkur erfolgreich ab.

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Schön und interessant war es! Müllers wahrscheinlich letzten Sommerferien.

 

Rosendorf

Müller ist bestimmt kein Blumen-Fan aber die Düfte und Farben in Nöggenschwil haben auch ihn fasziniert.

Ein Besuch lohnt immer und einen Wohnmobilstellplatz gibt es auch. Im Café neben an locken die Kuchen, sodass die eine oder andere Kalorie zu Fuss oder mit einer straffen Fahrradkette abgearbeitet werden muss.

Ein Glückspilz lernt Latein

Per Definition ist der ein Glückspilz, dem unerwartet oder häufig Gutes widerfährt. Der Müller ist seit Mitte Mai ein solch Glücklicher. Ihm ist unerwartet Gutes, man kann auch sagen nichts Schlechteres, widerfahren.

Wer glaubt der Müller habe den Topf einer Lotterie geknackt liegt falsch. Auch der welcher auf eine Frühpensionierung getippt hat, und wer glaubt, Müller ergatterte sich einen Platz an der Alters-Uni für alte Sprachen irrt ebenso. Die Sache ist etwas kompliziert, verknackter könnte man auch sagen und doch, eigentlich ganz simpel. Jetzt mal schön der Reihe nach erzählt, weshalb einer der Latein büffelt ein Glückspilz sein kann.

Mitte Mai 2017, in Frankreich
Es ist Donnerstagnachmittag an einem Feiertag. Müller ist mit Freunden in Frankreich unterwegs. Auf Fahrräder wird der nördliche Teil des Département Haut Saône Nahe der Ortschaft Corre durchstreift. Es gibt hier einen Reisemobil-Stellplatz, wo sich die Bande häuslich niedergelassen hat. Nach dem Mittag sind die vier Freunde von der ersten Tour zurück.

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Die Markisen an den Reisemobilen werden ausgefahren. Es ist sehr heiss. Man flüchtet in den Schatten oder geht zur Kühlung gleich unter die Dusche, um sich zu erholen.
Nach gut einer Stunde des Ausruhen zuckt es den Müller in den Waden. Die zurückgelegten 36 km, so findet er, die sind etwas wenig Leistung für den schönen Tag und das Velo-Trikot ist ja kaum verschwitzt. So kommt es wie es immer kommt im Hause Müller, der Ungestüme verabschiedet sich und schwingt seinen Hintern nochmals in den Fahrradsattel. Etwa 20km nördlich gibt es einen anderen Reisemobil-Stellplatz, der soll erkunden werden.

Gleich hinter der Ortschaft Corre steigt die Landstrasse, mit dem für Frankreich typischen rauen Belag, stetig steil an. Vom Hügel herunter bläst ein kräftiger Wind. Müller beugt sich über den Fahrradlenker, tritt kräftig in die Pedalen und ist nach 20 Minuten schweissgebadet oben angelangt. Es ist halt doch einen Tick anspruchsvoller alleine unterwegs zu sein und von niemanden Windschatten zu bekommen.
Es geht weiter nach Norden und zwar Kilometer für Kilometer steil nach unten. In einer Stunde will er wieder zurück im Schatten sein. Die Ansage wird sich wohl knapp bis gar nicht erfüllen lassen.
Nach rasender Fahrt und weiteren 10 Minuten kommt Müller beim anderen Reisemobil-Stellplatz an.

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Schnell ein paar Fotos mit dem Smartphone und eine Kurzmeldung an Frau und Freunde: „Komme erst in einer Stunde zurück. Viel Gegenwind. Nehme den kürzesten Weg.“

Im Nu ist der kürzeste Weg auf dem an der Lenkstange montierten GPS bestimmt. Los geht die Rückfahrt. Einen Teil der vorgeschlagenen Strecke kennt Müller von einer früheren Tour mit seiner Frau. Jedoch eine steile, geschotterte Strasse  runter zu einem Bauernhof, dann 300 Meter davor rechts weg in den Wald, den Abschnitt kennt Müller nicht. Im Wald wurde Holz geschlagen und nicht alles weggeräumt. Absteigen, drüber steigen, schieben, Bach überqueren, kein Weg mehr! Das GPS zeigt geradeaus weiter. Richtig, jetzt tut sich ein schön angelegter, aber schmaler Weg auf. Es geht gemütlich rauf und runter. Meter für Meter leicht zu fahren. Aber es braucht mehr Zeit als geplant.
Vor Müller öffnet sich eine Waldlichtung. Wunderschönes Licht, über all hohes Gras. Müller geniesst den Anblick. Jedoch hätte er das besser sein lassen. Wie er wieder in die Richtung schaut, wohin das Vorderrad seines Fahrrades rollt, ist die Überraschung gross.

Vier Wochen später, in der Schweiz.
Müller tritt aus einem der Gebäude, welche an den Bahnhofsplatz seines Wohnortes grenzt, ins Freie. Hinter ihm schliesst sich geräuschlos die Schiebetür durch die er vor eineinhalb Stunden in den klimatisierten Raum an die Empfangstheke getreten war und seine Personalien kundtun musste. Dieselbe junge Frau, welche die Angaben in einen Computer tippte, reichte Müller vor dem Weggehen eine CD die in einem Umschlag aus bedrucktem Karton steckte, mit den Worten:
„Der Herr Staub bekommt noch alles schriftlich von uns!“

Einen Tag später sitzt Müller bei Herr Staub am Schreibtisch. Beide kennen sich schon länger.
„Ich schlage vor, wir ziehen einen Spezialisten bei,“ sagt Herr Staub, „der soll uns sagen wie da vorzugehen ist.“
Müller nickt und erwidert: „Ich weiss auch schon wen wir fragen. Letztes mal hat derjenige alles richtig gemacht. An seiner Arbeit konnte ich nicht das Geringste auszusetzen. Jetzt brauche ich noch eine Kopie des Berichtes vom Institut am Bahnhof. Den möchte ich studieren, damit ich dem Experten Fragen stellen kann. Du kannst mich sofort für eine Konsultation bei ihm anmelden.“

Zuhause liest Müller den Bericht:
Latein halt,
Rechte Schulter: mehrfragmentäre Fraktur des Tuberculum majus, gelenkseitiger Partialriss der Supraspinatus-Sehne ansatznahe. etc.
Linke Schulter: gelenkseitiger Partialriss der Supraspinatus-Sehne am Ansatz, ca. 1cm breit. etc.
und dieses Latein will erstmal verstanden sein.  Aber es gibt ja das Internet. Dort wurde Müller schnell klar was mit den ihm unbekannten Wörtern gemeint ist. Wie es zu Müllers Lateinstunde kam, ist in den nachfolgenden Zeilen zu erfahren:
Vor einem Monat, Mitte Mai 2017, im Wald vor Corre
wird Müller von dem überrumpelt was sich auf der so lieblichen Waldlichtung vor dem Vorderrad seines Fahrrades auftut. Das Wahrgenommene wird in Bruchteilen einer Sekunde analysiert, die Reaktion erwogen und sofort ausgeführt. Müller zieht an beiden Bremshebel so schnell und stark wie er nur kann. Die Physik startet das gewünschte Anhaltemanöver. Jedoch nicht mit dem von Müller gewünschten Effekt. Die Federgabel des Fahrrades erfüllt ihren Zweck vorzüglich, sackt in sich zusammen, des Müllers Schwerpunkt schiesst nach vorne, wobei sich das Hinterrad mehr und mehr vom Grund des schmalen Pfades anhebt.
Müllers erster Gedanke:
„Hey, es geht nach unten, wie landen?“
Müllers zweiter Gedanke:
„Besser nicht auf dem Rücken, auch nicht auf den Kopf fallen!“

Bleibt bloss die Lenkstange loslassen, die Arme schützend über den Kopf und ab in den etwa einen Meter fünfzig breiten und einen Meter tief Graben. Dort unten gibt es keinen Platz für eine Rolle vorwärts wie Müller schmerzlich zu spüren bekommt.
Er knallt mit lautem Aufschrei des Schreckens, geschützt durch seine beiden Oberarmen in die Grubenwand. Die besteht aus feuchtem, schlagabsorbierendem Erdreich. Was Müller nicht viel einbringt. Nach kurzem Flug liegt er nun ziemlich belämmert und zusammengestaucht, sein Gesicht halbseitig in Dreck getunkt in einem Entwässerungskanal, irgendwo in einem Wald in Frankreich, wo ausser grunzenden Wildschweinen und deren Jäger keine Menschenseele auftauchen wird.

Die an Müllers Oberkörper aufkommenden Schmerzen kann das in die Blutbahnen schiessende Adrenalin und der beginnende Schockzustand nicht wegwischen. Mit Gefluche richtet er sich auf und kriecht über den Rand des Kanals, setzt sich hin und schüttelt beide Arme. Stechende Schmerzen kommen aus beiden Schultern. Die Beine und beide Hände sind in Ordnung. Die rechte Wange ist geschwollen und zum Kinn hin fühlt sich die Haut feucht an. Es blutet.

Wo ist das Fahrrad? Es liegt im Graben, ist aber scheinbar heil geblieben. Der letzte Woche gekaufte Helm lässt sich in einem Stück vom Kopf nehmen, ist nicht zerbrochen, bloss das Sonnenschild muss wieder aufgesteckt werden. Den Rucksack trug Müller die ganze Zeit am Rücken. Vermutlich hat er weitere Blessuren verhindert.

Auf das Fahrrad steigen traut sich Müller nicht. Er schiebt es neben sich her. Geht den Pfad weiter und kommt zu einem Holzsammelplatz. Von da führt eine unbefestigte Strasse nach links weiter. Müller steigt vorsichtig in den Sattel seines Zweirades und fährt die vom GPS vorgeschlagene Route weiter. Wenn es aber vorschlägt in den Wald zu fahren, bleibt Müller eisern und fährt auf der befestigten Strasse weiter.

Zurück am Stellplatz wird die überschrittene Zeitansage von den Anwesenden nur kurz thematisiert, dann bekommen die rechte Wange (ist nur ein Kratzer und mit Dreck zu gepappt), die zerschundenen Unterarme und das verdreckte Trikot volle Aufmerksamkeit geschenkt. Aber in den Abendstunden, schon im Bett liegend, bekommt Müller von seiner Frau tüchtig den Marsch geblasen. Auf Details wird hier verzichtet.

Müller schläft nicht gut. Immer wieder aufwachend, hat er Gelegenheit über das Geschehene nachzudenken. Was wenn er nicht weiter gekommen, die Verletzungen schlimmer und telefonieren überhaupt nicht möglich gewesen wäre?
Erwähnenswert der Umstand, dass die Ankündigung verspätet zurück zu kommen, erst im Laufe des Folgetages via Smartphone-Nachricht eintraf.
Glück gehabt!

Vier Tag nach dem Besuch bei Herr Staub, oder fünf Wochen nach dem Sturz vom Fahrrad.
„Grüezi Herr Müller“, begrüsst ein hörbar gut gelaunter Experte in Orthopädie das Sturzopfer von Corre.
„Machen sie ihren Oberköper frei. Wir testen ihre Beweglichkeit!“
Müller gehorcht und führt die gewünschten Armbewegungen aus.
Der Experte schaut zu und beginnt seinen Kopf zu schütteln.
„Sie können sich wieder anziehen. Ich erkläre ihnen am Bildschirm die am Montag im Radiologiezentrum beim Bahnhof gemachten Bilder. Aber eines kann ich ihnen jetzt schon sagen:

“ Sie sind ein Glückspilz! Wir brauchen nicht zu operieren. Die Verletzungen werden nach ein paar Monaten ausgeheilt sein.“

Na dann, ein Glücklicher mehr auf dieser Welt und viel gelernt der Müller, auch ein Bisschen Latein.

 

 

Gotthard

Vor zwei Wochen wollten die Müllers mit Freunden in den Süden reisen.

Daraus wurde nichts, aber auch gar nichts. In Mitten in der Schweiz dämpften Schneefälle die Reiselust massiv und dem Müller fehlte es schlicht an Mut, sich auf ein Getümmel auf den Strassen zum Gotthard-Strassetunnel einzulassen.

Wieder mal lässt das Gotthardmassiv mit seiner Vielseitigkeit den Müller spüren wie klein Menschen und wie gross Naturgewalten sind.

Egal, jedenfalls kommt es Müller in den Sinn, dass er an den „Gotterd“, so nennen die Innerschweizer das Massiv, die eine oder andere Erinnerungen hat. Die müsste er doch mal auf seinen Notiznagel piksen.

Schulferien, Radtouren, zelten im Gebirge, Militärdienst, Autofahrt, Verirrt, Gewaltmarsch, Schlange stehen, Skifahren, Sonnenbrand und manches mehr, ziehen an Müllers geistigem Aug vorbei.

Aber schön der Reihe nach, erst muss Müller sich nach illustrierenden Fotos umsehen. Bilder sagen mehr als Worte. Drum bitte noch etwas Geduld.