Beruf Abenteurer

Artikel von Emil Zopfi Schriftsteller

In einem Film, den ich letzthin sah, antwortet ein Junge auf die Frage, was er einmal werden möchte: «Abenteurer!» Der Beruf des Abenteurers oder der Abenteurerin scheint nichts Ungewöhnliches mehr zu sein. Reinhold Messner zum Beispiel bezeichnet sich in einem Interview als «Freelance-Abenteurer». Mit «Abenteurer von Beruf» überschrieb die NZZ einen Artikel über den Extrembergsteiger, Filmer und Fotografen Thomas Ulrich, nachdem er 2006 versucht hatte, auf Ski die Arktis zu durchqueren, und auf einer Eisscholle gestrandet war. Durch Abenteuerreisen zu den «drei geografischen Polen» Mount Everest, Nord- und Südpol hat sich Bergführerin Evelyne Binsack einen Namen gemacht. Die «Grenzgängerin», so der Titel ihres Buches, kletterte zwischendurch auch mal medienwirksam auf einen Büroturm in Frankfurt.

Im Gegensatz zu dem Polarforscher Fridtjof Nansen oder dem Everest-Pionier George Mallory sind die Abenteurer des 21. Jahrhunderts technologisch, textil und medial hochgerüstet unterwegs und via Satelliten stets online. Der tägliche Blog mit spektakulären Bildern für die Fans und Follower ist dabei Pflicht. Denn nebst der Stille und der Einsamkeit in den Stürmen des ewigen Eises gehören zum Freelance-Abenteurer der Lärm und der Sturm der medialen Aufmerksamkeit.

Abenteuer als Broterwerb – eigentlich ein Paradox. Abenteuer heisst aufbrechen, die Alltagswelt hinter sich lassen auf der Suche nach dem Unbekannten, dem Aussergewöhnlichen. Die Abenteuer-Profis jedoch, das zeigen ihre Websites, können den ökonomisch-gesellschaftlichen Zwängen schliesslich doch nicht entrinnen. Ihre Expeditionen sind kostspielig, und am Ende des Jahres muss, wie für jeden Freischaffenden, die Rechnung aufgehen. Multimediareferate, Filme, Fotos, Bücher, Expeditionsführungen, Motivationsseminare für Manager, Sponsoring und Crowdfunding machen es möglich.

Allerdings gibt es auch heute Menschen, die mit kargen Mitteln und rudimentärer Ausrüstung Wüsten durchqueren, Gebirge überschreiten, sich durch Urwälder kämpfen oder in Schlauchbooten über Meere fahren. Als Abenteurer wider Willen suchen Millionen von Flüchtlingen das genaue Gegenteil der Profi-Abenteurer: eine geordnete, gesicherte Alltagswelt, die sie nie mehr verlassen müssen. Die wahren Abenteurer sind Menschen, die es gar nicht sein wollen.

siehe die Alpen, Ausgabe 12/19

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