Es giegst Teil 2

…. oder wie man Nachbarn zum Narren hält.

In Dunkelheit fingert der Schrecken der Nachbarschaft in seiner Hosentasche. Er sucht zwischen Taschentuch, einer Eichel und gefundenen Münzen nach der Fadenspule mit dem aufgewickelten schwarzen Sternfaden aus Mutters Nähtruhe. Das freie Fadenende mit einem Reissnagel verknotet, hängt von der Spule. Von der wickelt er ein Stück ab, nimmt den Reissnagel in die Finger.

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Reckt sich ohne Geräusche zu machen auf der Sitzbank in die Höhe und presst den Nagel weit oben am Fenster mit kräftigem Daumendruck in dessen Holzrahmen. Mit langsamen Bewegungen steigt KleinMüller von der Bank und dreht sich zur Hausmauer. In einer Hand die Spule mit dem noch aufgewickelten Sternfaden. Mit der Andern beginnt er den Faden zwischen Mittel und Ringfinger ab der sich in seiner Hand drehenden Rolle zu ziehen. Gleichzeitig läuft er rückwärts den Kiesweg bis zur Wassertonne in Höhe des offenen Gartentores. Bei der Tonne setzt sich KleinMüller auf einen Stein um das Fenster zu beobachten.

Hinter dem Fenster, von dessen Rahmen der Faden schnurgerade in KleinMüllers Faust verschwindet,  sind die Vorhänge gezogen. Vorsichtig spannt er den Faden. Gerade so stramm, wie der Reissnagel nicht Gefahr läuft aus dem Holz gerissen  zu werden.  Mit Daumen und Zeigefinger der anderen Hand holt sich der Schrecken vom Quartier etwas Spucke bei seiner Zunge ab, um anschliessend die genetzten Fingerkuppen aufeinander gepresst am Faden hin und her zu reiben. Nach wenigen Bewegungen bringt der Faden die Schwingung bis hin zum im Holz steckenden Reissnagel.

Der Reissnagel leitet diese über den Fensterrahmen in den Raum. Der wird zum Resonanzkörper verstärkt die Schwingungen und stellt die Nachbarn erst einmal vor ein Rätsel. Ein unangenehm klingendes Giegs-Gerräusch dringt an ihre Ohren. Nähert sich jemand im Raum dem Vorhang vor dem präparierten Fensterrahmen und schiebt den Stoff beiseite um die Störquelle auszumachen, hält KleinMüller inne und wartet bis der Vorhang wieder ruhig vor den Scheiben hängt.

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Das Katz und Maus Spiel wiederholt sich mehrmals. Bis jemand im Raum mit schnellem Griff das Fenster öffnet. Wie von einer Bogensehne abgefeuert, schnellt der Reissnagel vom Sternfaden aus dem Holz gerissen in Richtung KleinMüller los. Der duckt sich reflexartig hinter die neben seinem Ausguck stehende Wassertonne, wo der Nagel mit metallischem Geklimper aufschlägt und zu Boden fällt. Der seine Spannung verlierende Faden schiesst mit gewaltigem Ruck an KleinMüllers Hand die immer noch die Fadenrolle hält. „Mach das du nach Hause kommst, du Bengel“, brüllt jemand vom Haus herüber.

Im fahlen Licht welches durch das geöffnete Fenster bei der Tonne ankommt, rafft der Quartierschreck seine Utensilien zusammen und rennt durch das nahe Gartentor davon. Daheim schleicht er zu Mutters Nähzeug. Vergisst nicht, zuerst den angebunden Reissnagel mit der Schere vom Fadenende zu schneiden und in seine Hosentasche zu stopfen. Die Holzspule deponiert er mit dem zurück gerollten Faden weit unten im Nähkasten.

Beim Nachtessen fragt MutterMüller KleinMüllers Vater: „Hast du den Sternfaden aus meinem Nähkasten geliehen? Ich suchte ihn heut Nachmittag und fand ihn nirgends.“ Der wohlwissende Übeltäter dreht schnell seine schmerzende Hand mit dem blauen Striemen aus der Blickrichtung seiner Eltern und löffelt brav seine Suppe.

Epilog:
Spät Abends hört KleinMüller im Bett liegend seinen Vater triumphieren: „Ich hab ihn, den Sternfaden! Er war ganz unten in deiner Nähkiste.“ „Komisch, der liegt sonst immer oben auf“, antwortet Mutter, „vielen Dank mein Schatz.“

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4 Antworten zu Es giegst Teil 2

  1. MsZeiku schreibt:

    Mei Müller, das hätte ins Auge gehen können…. und dies beidseitig!
    Warst du eigentlich ein Einzelkind? Ich hätte mit solchen Streichen nie mithalten können… meine Schwestern hätten mich bestimmt verpfiffen!
    … und hat dich der Samichlaus einmal einige Tage mit sich in den Wald geschleppt?
    Gwundrige Grüsse
    Werde nun gleich einen Glühwein brutzeln… Erdnüssli mag ich nicht und Manderinli hatte ich schon!
    bbbbbrigitte

  2. notiznagel schreibt:

    Damals hatte ich das Glück mittels jugendlichem Leichtsinn gepachtet. Mein kleiner Bruder war nie in meine Taten verwickelt und so hat er mich auch nie verpfiffen.
    Beim Samichlaus musste ich mich mal, wie er mich auf eine Keilerei zwischen uns Jungs ansprach, mit folgenden Worten rechtfertigen: „Sie Herr Samichlaus, de anderi hed den aber au driigschlage.“
    Vom Wald lief ich nie nach Hause. Die Dunkelheit eines fensterlosen Keller kenne ich aber genau.

  3. Flohnmobil schreibt:

    Bist du eigentlich immer noch so?

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