Müller geht stiften

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Diese Woche geschieht es, nach über einem halben Jahr des Wartens endlich grünes Licht.
Der Müller schwingt sich bei Minustemperatur auf sein geliebtes Tourenrad. Den Lenker fest im Griff der mit Handschuhen umhüllten Hände fährt er los. Die Füsse stecken in den nicht minder geliebten Lederstiefeln. Es ist kalt, saukalt, gut hat Müller unter seinem Fahrradhelm noch eine Sturmhaube über seinen Kopf gezogen. Die Nase tropft nach kurzer Zeit. Müller steigt vom Rad, Taschentuch hervor, Rotze weg, aufsteigen, weiterfahren. Ein kräftiger Wind stemmt sich dem Radler entgegen. Wird noch eine Weile dauern bis das Ziel erreicht ist.

Als Müller auf Betriebstemperatur gekommen ist heisst es absteigen, Fahrrad hinstellen, abschliessen, der Helm samt Sturmhaube und Handschuhe verschwindet in der Fahrradtasche die Müller immer an seinem Rad festgezurrt hat. Die Taschen sind schon sehr, sehr alt und somit erweckt das ganze Fahrrad den Anschein von uralt. Bis jetzt hat es noch nie jemand entführt und Müller hofft das das so bleibt.
Die Schieber der Lifttür öffnen sich, zwei Schritte Müller steht an der nächsten Türe und ein Zeigefinger drückt den Klingelknopf bis zum Anschlag. Hinter der Tür ringt eine schrille Glocke nach Ruhe, sie gibt einen nervtötenden Ton von sich. Müller zieht seinen Finger zurück, Ruhe. Er öffnet die Tür. Hinter einer Theke sitzt eine junge Frau, schaut kurz auf: „Müller?“. „Ja“, sagt der. „Warten Sie einen Moment dort.“ Das Kinn der jungen Frau zeigt in Richtung einer weiteren geöffneten Tür. Müller geht durch die Tür in den Raum, greift sich das NZZ-Folio setzt sich, wartet.

Nach gefühlten 10 Minuten reisst eine Stimme den Folio-Leser in die Wirklichkeit zurück. „Wir sind so weit, bitte folgen sie mir.“ Dieses Mal ist die Frau noch jünger wie es Müller dünkt und noch eine Spur hübscher.
„Stimmt die Lehne? Es geht noch einen Moment.“ Müller schaut gelassen aus dem Fenster, sieht einen Hügel mit Häusern voll gespickt. Was die wohl wert sind?

„Dann schauen wir Mal!“ Neben Müller taucht eine Gesichtsmaske auf. „Ok, sieht gut aus. Einmal röntgen!“ Das hübsche Fräulein eilt hinter der Gesichtsmaske nach draussen nachdem es dem Müller einen Bleimantel übergelegt hat. Klick, summ. Die Gesichtsmaske kommt zurück, starrt in einen Bildschirm welcher etwas weiter weg steht. „Ok,“ murmelt die Stimme hinter der Maske.
Zwei Hände in Latexhandschuhen greifen zu. Setzen ein Werkzeug an die Inplantat-Kappe in Müllers Mund, dann geht alles schnell. Stift raus, Stift rein, auf Stift beissen, Mund auf, mit einem Drehmomentschlüssel Stift nachgezogen, Kleber drauf, Zahnersatz drauf, Gegenseite den Zahn etwas nachschleifen, Fertig.

Müller hält einen Spiegel vor seinen Mund. Den schneeweissen falschen Zahn kann er nicht übersehen. Schmerzen keine, jetzt schnell vom Stuhl.

Die etwas weniger hübsche Frau an der Theke reicht den Erinnerungszettel für den Kontrolltermin an den stiftenden Müller. Der ist froh sich bis nach Ostern sicher vor den Latexhandschuhen fühlen zu dürfen.

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2 Antworten zu Müller geht stiften

  1. Brigitte schreibt:

    Des Müllers Notizen werde ich mir gleich abonnieren 🙂
    Ich hoffe, dass die zweite Begegnung mit den latexbehandschuhten Fingern ausgestiftet haben!!
    ♥-liche Grüsse Brigitte

    • notiznagel schreibt:

      Freut mich wenn sie dir gefallen. Notizieren (meine Worterfindung) macht besonderen Spass, wenn die gepiksten Zettel auf dem Notiznagel gelesen werden.
      Die zweite Begegnung bei den latexbehandschuhten Fingern war zum Glück die Letzte. Der gestiftete, leblose Zahn in meinem Mund fühlt sich inzwischen schon ganz wie zu hause.

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